Abschied von KOKOS
01.10.2018
Wie können freiwillige Helfer in komplexen Einsatzlagen besser kooperieren? – Erfolgreicher Abschluss von drei Jahren Sicherheitsforschung

Freiwillige Helfer in komplexen Situationen sinnvoll miteinander vernetzen, Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben entlasten: Wir wollen der Bevölkerung und den Behörden nützliche und unkomplizierte Werkzeuge zur Hand geben, die sie in Großschadenslagen, wie Hochwasser, Sturm oder Erdbeben, unterstützen – in Situationen also, bei denen Feuerwehren, Polizei und Hilfsorganisationen schnell an ihre Grenzen kommen, bei denen die Zahl der Einsatzkräfte oft nicht ausreicht, um die Lage in den Griff zu bekommen.

 

Was bietet sich da besser an als über Smartphone oder Tablet lokale Netzwerke aufzubauen, schnell Informationen zu verbreiten, miteinander zu kommunizieren und sich abzustimmen – über Geräte also, die jeder immer dabei hat?

 

Im von der Bundesregierung geförderten Projekt KOKOS erforschten wir seit 2015 gemeinsam mit Teams der Universitäten Siegen und Stuttgart ein System, das Spontanhelfer bei Krisenlagen gezielt einbindet und Aufgaben übernehmen lässt. Wir erarbeiteten also neue IT-Lösungen, die Hilfe zur Selbsthilfe und Selbstorganisation bieten und mit denen schnell und direkt Schäden bekämpft werden können.

 

Das Konzept Nachbarschaftshilfe

Herzstück von KOKOS ist eine leicht zu bedienende App, über die Werkzeuge und Hilfsmittel zum Ausleihen angeboten oder Verbrauchsgüter wie Brennstoffe und Elektrizität zur Verfügung gestellt werden können. Bereits vorhandene Strukturen können genutzt werden, um Menschen in das Krisenmanagement mit einzubeziehen – etwa Vereine, Verbände oder Mitarbeiter eines Unternehmens. Beispielsweise können Fußballmannschaften gemeinsam bei Aufbauarbeiten helfen oder Lebensmittelgeschäfte Nahrung an Bedürftige verteilen.

 

Gleichzeitig können über die App Betroffene ihre Bedarfe einstellen und gezielt Unterstützung anfragen. Nimmt jemand das Hilfegesuch an, kann er beispielsweise die Zahl der Helfer mitteilen, eine Telefonnummer eintragen und Kommentare verfassen – auch anonymisiert. Damit der jeweilige Standort schnell gefunden wird, lässt sich die genannte Adresse im Standard-Kartendienst öffnen. Um sich schnell direkt miteinander abzustimmen, können die Teilnehmer in vorab definierten Gruppen oder innerhalb eines festgelegten Radius miteinander chatten.

 

Einsatzkräfte entlasten

 

Die App, mit der Daten zwischen den Smartphones auch ohne Internet übertragen werden können, bildet damit eine zentrale Anlaufstelle. Durch sie wird zum einen die Koordination verbessert und zum anderen werden lokale Informationen vermittelt. So werden Kapazitäten optimal genutzt, ohne Einzelne zu überlasten. Einsatzkräfte, die in komplexen Großschadenslagen schnell an ihre Grenzen kommen, werden entlastet. Betroffene bekommen schnelle und direkte Hilfe. Chaotische Verhältnisse bei der Freiwilligenhilfe, z.B. in Notunterkünften, können eingedämmt werden. Wichtig ist, dass das System auch bei Stromausfall funktioniert. Denn benötigt werden lediglich Smartphones und stromsparende Mini-PCs für die Hotspots, die zum Beispiel mit einer Batterie tagelang lang betrieben werden können. Verteilt über die Stadt, können sie als zentrale Datenablage und Austauschplattform dienen.

 

Verwaltet werden die verschiedenen Bildschirme der Nutzer durch die BOS-Leitstelle oder durch Mittlerorganisationen. Sie übernehmen die zentrale Moderation und den Umgang mit benutzergenierten Inhalten. Die Manager nutzen dafür entweder eine zentrale App oder erhalten Push-Benachrichtigungen über einen Browser und eine spezielle URL – ohne persönliche Registrierung. Die stationären PCs synchronisieren sich dabei automatisch mit den Displays. Die Verantwortlichen sehen dort alle offenen Beiträge sowie die bereits freigegebenen. Über ein Geoinformationssystem können sie zudem Informationen analysieren, etwa aus den sozialen Medien, aus der BOS-Plattform SiRena, aus Angeboten und Nachfragen. Sie verbreiten und verwalten die Angebote und Nachfragen, Gefahrenwarnungen News und Hotspots sowie alle Informationen und Kommentare.

 

Im Lauf des Projekts testeten und evaluierten wir das System beispielsweise in einem THW-Workshop und bei verschiedenen Veranstaltungen, wie der Kieler Woche 2016 und dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017.

Wie groß das Interesse an einer solchen Lösung ist, zeigte sich vor allem bei solchen Übungen. Daher werden wir die Ergebnisse nicht nur für andere Forschungsprojekte nutzen, sondern gemeinsam mit Anwendern weiter an Strategien und intelligenten Methoden arbeiten, mit denen komplexe Einsatzlagen künftig besser bewältigt werden können.  

 

An KOKOS (Unterstützung der Kooperation mit freiwilligen Helfern in komplexen Einsatzlagen) arbeitete die VOMATEC Innovations GmbH gemeinsam mit einem Team der Universitäten Siegen (Computergestützte Gruppenarbeit und Soziale Medien sowie Institut für Medienforschung) und Stuttgart (Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement IAT). Partner waren unter anderem die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V., die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk, die Kreise Siegen-Wittgenstein und Olpe sowie das Amt für Brand-, Katastrophenschutz und Rettungswesen in Frankfurt/M.

Gefördert wurde das Projekt über das Sicherheitsforschungsprogramm Forschung für die zivile Sicherheit“ der Bundesregierung im Rahmen der Bekanntmachung „Schutz und Rettung bei komplexen Einsatzlagendes Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

 

Mehr zum Projekt: https://kokos.wineme.fb5.uni-siegen.de/